Job Disruption · Kapitel 2.4
Der vierte apokalyptische Reiter: X-Tralisierung
Unter X-Tralisierung ist das Zusammenspiel von Zentralisierung und Dezentralisierung von Services zu verstehen. Bei der Zentralisierung werden gleichartige Tätigkeiten an einer Stelle erledigt. Bei der Dezentralisierung werden verschiedene Aufgaben auf verschiedene Stellen verteilt.
Hierbei ist jedoch ein System dem anderen nicht zwangsläufig überlegen, sondern oft liegt ein Wechselspiel vor, je nachdem, welche Technologie sich besser eignet.
Ein bekanntes Beispiel für erhebliche Vorteile bei der Zentralisierung sind Cloud-Server-Architekturen. Die Beliebtheit dieser Services ist in den letzten Jahren stark angestiegen, denn Unternehmen müssen nicht mehr ihre eigenen Rechenzentren betreiben, sondern kaufen die benötigte Rechenleistung skalierbar von einem der großen Cloud-Anbieter ein. Dies hat verschiedene Vorteile: Zum einen wird natürlich Personal eingespart, das die Hardware der Server einrichtet und wartet. Dieses Personal ist für gewöhnlich hervorragend ausgebildet und auf dem Arbeitsmarkt vergleichsweise teuer.
Dadurch, dass die Hardware monatlich gemietet wird, lassen sich die Fixkosten deutlich besser kalkulieren. Außerdem müssen keine großen Anfangsinvestitionen getätigt werden. Dies führt wiederum dazu, dass das Risiko einer Fehlinvestition gesenkt wird.
Angenommen, ein Unternehmen kauft Server, die dafür ausgelegt sind, bis zu 10.000 Kunden gleichzeitig zu verarbeiten, doch nach zwei Monaten merkt die Unternehmensleitung, dass weit mehr als 10.000 Kunden gleichzeitig auf den Server zugreifen wollen und es deshalb zu Problemen kommt. In diesem Fall müsste wieder neue Hardware angeschafft werden. Nimmt das Interesse jedoch nach einer gewissen Zeit ab, werden die Server kaum ausgelastet, verbrauchen jedoch trotzdem eine große Menge an Energie.
Noch schwieriger ist es für Unternehmen, auf kurzfristige Besucheranstürme zu reagieren. Wird z. B. ein Werbespot im Fernsehen ausgestrahlt, kann dies dazu führen, dass gerade nach der Ausstrahlung zehntausende Menschen gleichzeitig die Website des Unternehmens aufrufen. Ähnlich ist das Problem an speziellen Tagen, wie z. B. in der Weihnachtszeit, an denen das Kundenaufkommen deutlich höher ist.
Auch die IT-Sicherheit spielt eine große Rolle. Besitzen Unternehmen ihre eigenen Server, müssen diese auch gegen die neuesten Sicherheitslücken geschützt werden. Deshalb ist es wichtig, geschultes Personal zu beschäftigen, das sich darum kümmert.
Cloud-Anbieter wie z. B. Amazon Web Services (AWS) besitzen dafür natürlich ein großes Team von IT-Security-Spezialisten, die die Server gegen Angriffe schützen. Deshalb ist die Nutzung von Cloud-Services, richtige Konfiguration vorausgesetzt, meistens auch sicherer als selbst gewartete Server.
Die Vorteile des Einkaufs von Rechenleistung für Unternehmen sind offensichtlich. Deshalb verwundert es auch nicht, dass allein auf der Basis von Amazon Web Services verschiedene Unternehmen mit Milliardenbewertung aufgebaut wurden. Eines dieser Unternehmen ist Instagram. Bevor es im Jahr 2012 für eine Milliarde US-Dollar von Facebook gekauft wurde, nutzte das Team, das zu dem Zeitpunkt nur aus 13 Personen bestand, Amazon Web Services, um ihre App Hunderten von Millionen Nutzern zur Verfügung zu stellen. Andere Beispiele für Unternehmen, die AWS als zentrales Fundament für ihr Geschäftsmodell genutzt haben, sind z. B. Airbnb, Netflix und Spotify.
Zentralisierung von Services betrifft aber nicht nur digitale Produkte. Es lassen sich auch Tätigkeiten, die viele Angestellte erfordern, zentralisieren und als Service zur Verfügung stellen. Fulfillment by Amazon (FBA) ist so ein Service. Hierbei lagert Amazon für andere Unternehmen Waren in seinen Lagern ein und verschickt sie an den Käufer. Schickt ein Kunde, weil er das Produkt doch nicht haben möchte, dies wieder zurück, kümmert sich Amazon ebenfalls um die Rückabwicklung der Bestellung. In diesem Fall wird ein Prozess einer Wertschöpfungskette von einem anderen Dienstleister, hier Amazon, übernommen.
Das Unternehmen, das so einen Service nutzt, hat auch hier wieder viele Vorteile. Es benötigt weniger Angestellte und auch keine großen Lager, wodurch viele Kosten vermieden werden. Auch die Kosten für den Versand der Artikel sind in vielen Fällen geringer, als wenn das Unternehmen selbst die Dienstleistung über einen Versanddienstleister wie die Deutsche Post buchen würde.
Neben der Kostensenkung bieten solche zentralisierten Services auch die Möglichkeit der Skalierung. Erhöht sich das Auftragsangebot, kann das Unternehmen durch die Nutzung dieser Dienste schnell wachsen, indem einfach neue Services hinzugebucht werden. Reduziert sich auf der anderen Seite jedoch das Auftragsangebot, kann man schnell durch eine Reduzierung der Services darauf reagieren.
Dies gilt selbstverständlich nicht nur für digitale Dienstleistungen, sondern lässt sich auch auf andere Branchen übertragen. Ein Beispiel hierfür ist wework; bei diesem Geschäftsmodell gehören langfristige Mietverträge der Vergangenheit an. Unternehmen können einzelne Räume oder ganze Etagen möbliert mieten und zum Monatsende kündigen. Für Unternehmen ist dies ein Traum. Sie können mit den monatlichen Preisen deutlich bessere Kalkulationen durchführen, da keine lange Vertragsbindung und somit so gut wie kein Risiko besteht.
X-Tralisierung besteht jedoch nicht aus der Zentralisierung allein, sondern aus dem Zusammenspiel von Zentralisierung und Dezentralisierung. Das wohl bekannteste Beispiel für Dezentralisierung ist Wikipedia. Früher beherrschten Enzyklopädien wie Encarta oder Brockhaus den Markt. Doch seit dem Durchbruch von Wikipedia spielen sie keine Rolle mehr. Mit Wikipedia wurde eine zentralisierte Struktur durch eine effizientere und bessere, dezentralisierte Struktur abgelöst. Deshalb lässt sich auch nicht sagen, dass eine Struktur der anderen überlegen ist. Es kommt stark auf den Anwendungsfall und die Umstände an.
Ein anderes Beispiel für eine Dezentralisierung ist Airbnb. Hier werden Übernachtungsmöglichkeiten dezentral verteilt. Dadurch wird es Reisenden ermöglicht, unabhängig von Hotels Übernachtungsmöglichkeiten in einer Stadt zu finden. Luxushotels sind von diesen Entwicklungen vermutlich nicht bedroht, aber für kleinere Hotels oder Pensionen, die nicht den großen Komfort bieten, ist Airbnb eine direkte Konkurrenz.
Data Scientists gehören zu den bestbezahlten Arbeitskräften und diese für Unternehmen zu finden, ist alles andere als einfach. Doch warum überhaupt diese Personen einstellen, wenn man die Probleme, die sie lösen sollen, auslagern kann? Kaggle ist hierfür ein Musterbeispiel, auf dieser Plattform werden z. B. Wettbewerbe ausgeschrieben, den besten Algorithmus zu entwickeln, um ein Problem zu lösen. Das Team oder die Person, das oder die die effizienteste Lösung findet, gewinnt ein Preisgeld. Hierbei müssen die Teilnehmer nicht aus dem jeweiligen Fachgebiet kommen. Wenn z. B. Biomarker korrekt identifiziert werden sollen, muss das Siegerteam nicht zwangsläufig Ahnung von Biologie haben. Das Gegenteil ist oft der Fall. Oft kommen innovative Ideen und Ansätze von außerhalb einer Branche.
Auffällig bei all diesen Plattformen ist, dass wir hier X-Tralisierung in Reinform erleben. Wir haben eine zentralisierte Plattform, die von allen genutzt werden kann, aber gleichzeitig viele dezentralisierte Einheiten, die ebenfalls Services, Dienstleistungen oder Produkte anbieten.
Zwar hat diese X-Tralisierung für Unternehmen und ihre Kunden immense Vorteile, gleichzeitig aber hat sie negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Unternehmen werden aufgrund der Vorteile in Zukunft stärker auf Dienstleister zurückgreifen, die durch Zentralisierung verschiedene Services zu einem festen Preis anbieten. Gleichzeitig entsteht eine neue Konkurrenz durch dezentrale Anbieter, die verschiedene Dienstleistungen nebenbei anbieten. Dies führt dazu, dass viele Arbeitsplätze, die Unternehmen bisher intern aufgebaut haben, stärker standardisiert werden und im nächsten Schritt an neue Dienstleister ausgelagert werden. Hierdurch werden vermutlich zahlreiche traditionelle Arbeitsplätze verloren gehen.